Wissenschaftliche Ergebnisse der Studien

von Peter Uffelmann, Competto Bildungsmanagement,
wissenschaftlicher Kooperationspartner

In den Schuljahren 2008/09, 2010/11 und 2011/12 wurden an jeweils zwei bayerischen Haupt- bzw. Mittelschulen drei musiktherapeutische Projekte mit der Bezeichnung »TrommelPower – Gewaltprävention und soziale Integration mit Musik« durchgeführt. Unsere wissenschaftlichen Studien fanden in den ersten beiden Projektjahren statt. Das Interventionskonzept wurde im Auftrag des Freien Musikzentrums vom Leiter des Instituts für Musiktherapie Andreas Wölfl gemeinsam mit pädagogischen und therapeutischen Kolleginnen und Kollegen entwickelt. Ihm oblag die Ausbildung der Trainerinnen und Trainer sowie die Gesamtleitung der beiden Projekte.

Der Schwerpunkt lag auf der rhythmischen Improvisation mit Trommeln in Verbindung mit Klangerfahrungen wie Monochord und Tischharfe. Die Arbeit an der eigenen Stimme und musikalisch-szenische Rollenspiele ergänzten die genannten Elemente.

Das Interventionsdesign zielte darauf ab, die Schülerinnen und Schüler in den Kompetenzfeldern »konstruktiver Umgang mit Aggression«, »Affektregulation«, »Gemeinschaftsgefühl, Kommunikation und Kooperation« sowie »Selbstbewusstsein im stimmlichen Ausdruck und im Dialog« zu fördern.

Beide Projekte wurden in Kooperation mit Peter Uffelmann (Competto consulting network) und der Universität Innsbruck, Institut für Psychosoziale Intervention und Kommunikationsforschung, Prof. Dr. Arthur Drexler evaluiert.

In der ersten Studie sollte der Frage nachgegangen werden, ob die in den Behandlungsklassen von den Trainer-Innen durchgeführten Interventionen im Vergleich zu den Kontrollklassen zu einer Veränderung führen hinsichtlich:

  • des Sozialverhaltens
  • des Lernverhaltens
  • der Aggressionsbereitschaft
  • der Empathiefähigkeit
  • der Prosozialität
  • des aggressiven Verhaltens
  • des Konfliktverhaltens
  • der gegenseitigen Rücksichtnahme

Die zweite Studie fokussierte auf die Fragen, ob die Interventionen

  • zu einer Verbesserung des gesamten Klassenklimas bzw. einzelner Klimadimensionen führen
  • zu einem stärker ausgeprägten Teamverständnis führen und die Teamentwicklung und Kooperation fördern
  • zu verbesserten Beziehungen bzw. Sozialkontakten sowie zu verbessertem Sozialverhalten unter besonderer Berücksichtigung von Empathie und Hilfsbereitschaft innerhalb der Klassen führen
  • zu positiven Veränderungen hinsichtlich der schülerseitigen subjektiven Wahrnehmung des Sozial- und Leistungsdrucks in den Klassen führen

Dafür wurden nachstehende für Teamentwicklung und Klassenklima bedeutsame Bereiche untersucht:

  • Kooperation
  • Selbstwahrnehmung
  • Einfühlungsvermögen und Hilfsbereitschaft
  • Sozialkontakte, soziale Beziehungen, individuelles und allgemeines Sozialverhalten
  • Schüler-Lehrer-Interaktionen
  • Wohlbefinden
  • Gesamtklima

In beiden Evaluationsdesigns kamen sowohl quantitative (Fragebögen) als auch qualitative (Interviews mit Lehrern und Trainern) Instrumente zum Einsatz. Es wurden so Zusammenhänge zwischen den durchgeführten Interventionen und Veränderungen im zeitlichen Verlauf hinsichtlich der Ausprägungen einzelner Variablen untersucht.

Ergebnisse Studie I Schuljahr 2008/09 (Auswahl der Ergebnisse, die signifikante Unterschiede zwischen Treatmentgruppe und Kontrollgruppe aufweisen):

  1. Abnahme der Aggressionshäufigkeit und
    der Aggressionsbereitschaft in der Treatmentgruppe
  2. Mehr Einfühlungsvermögen insbesondere bei
    den männlichen Schülern in der Treatmentgruppe
  3. Prosozialität steigt in der Treatmentgruppe
    insbesondere bei Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund
  4. Zunahme des Selbstbewusstseins und des Lernverhaltens insbesondere
    hinsichtlich Ausdauer, Anstrengungsbereitschaft und Konzentration
  5. Der Zusammenhalt und ein positiver Umgang
    in der Klasse haben sich deutlich verbessert
  6. Steigerung des Sebstbewusstseins und der angemessenen Selbstbehauptung

Ergebnisse Studie II Schuljahr 2010/11 (Auswahl der Ergebnisse, die signifikante Unterschiede zwischen Treatmentgruppe und Kontrollgruppe aufweisen):

  1. Zunahme der Kooperation in der Treatmentgruppe
  2. Zunahme der angemessenen Selbstbehauptung
  3. Zunahme der Selbstwahrnehmung (insbesondere bei den Mädchen)
  4. Zunahme positiver Sozialkontakte
  5. Abnahme von Leistungsdruck
  6. Zunahme des Einfühlungsvermögens und der Hilfsbereitschaft
    (insbesondere bei den Mädchen)
  7. Rückgang der wahrgenommenen Kontrolle durch die Lehrer
  8. Verbesserung des Sozialverhaltens

Die aufgezeigten Ergebnisse lassen erkennen, dass die Beurteilung des Sozialverhaltens durch die Lehrpersonen deutlich positiver erscheinen als die Selbstbeurteilungen durch die Schülerinnen und Schüler. Generell sind Selbstbeschreibungen stets mit Vorsicht zu betrachten, im Besonderen dürfte es für Kinder schwierig sein, eigene Veränderungen im zeitlichen Verlauf wahrzunehmen und entsprechend zu dokumentieren. Hier spielen unter Umständen die Begrenzungen der Selbstwahrnehmungsfähigkeiten der Kinder eine große Rolle. Viele Fragen setzen doch ein gewisses Maß an Selbst-reflexion voraus.

Insgesamt zeigen beide Evaluationsstudien, dass die Methode »TrommelPower« positive Wirkungen auf die psychosozialen Kompetenzen von Schülerinnen und Schülern hat und darüber hinaus den Zusammenhalt und die Kooperationsfähigkeit innerhalb der Klasse fördert.

Vor dem Hintergrund der Inklusionsbemühungen mit der Notwendigkeit, psychosoziale Fähigkeiten und Fertigkeiten deutlicher als bisher in die Bildungsprozesse zu integrieren, ist »TrommelPower« sehr gut dafür geeignet. Zudem zeigen die Interviews beider Jahre, dass auch die Lehrerinnen und Lehrer davon profitieren, insbesondere in der Verfeinerung und Professionalisierung ihrer psychosozialen Wahrnehmungsfähigkeiten.

»Prävention ist generell die Zukunft der biopsychosozialen Gesundheitshygiene in Gesellschaften. Und da Gewalt ein echtes Problem unserer Zeit darstellt, ist hier das Vorgehen von »TrommelPower« mit dem speziell bei jungen Menschen beliebten Medium Musik und den in der klinischen Praxis bewährten musiktherapeutischen Vorgehensweisen ein sehr sinnvoller Ansatz.«

Prof. Dr. Tonius Timmermann
Leiter des Studienganges Musiktherapie
am Leopold-Mozart-Zentrum der Universität Augsburg